Home-Office: Kulturschock vermeiden - Kathrin Meyer

Home-Office: Kulturschock vermeiden

Vor 9 Jahren habe ich in einem großen Konzern flexibles Arbeiten wesentlich mitkonzipiert, eingeführt und einige Jahre im Change begleitet. Schon damals, in „geordneten“ Zeiten, war das eine sehr große Herausforderung für Führungskräfte und Mitarbeitende. In einer Pilotierungsphase haben wir viel ausprobiert und Erfahrungen gesammelt. Alle konnten damals langsam lernen und sich darauf einstellen.

Es hat gut 6 Monate gedauert, bis beim ersten Piloten alles rund lief. Technik war nicht das größte Problem. Vor allem die notwendigen Veränderungen im Mindset waren teilweise sehr herausfordernd. Vertrauen, Anspruchshaltung, Eigenverantwortung waren dabei große Themen. Und es wurde massiv deutlich: Führungskräfte müssen jetzt wirklich führen. So viele Themen kamen hoch, die nichts originär mit flexiblen Arbeiten zu tun haben. Wie gesagt, alle konnten damals langsam lernen.

Und jetzt? Home-Office von jetzt auf gleich

Wer vorher noch nicht flexibel im Team gearbeitet hat, steht jetzt vor großen Herausforderungen. Führungskräfte und Mitarbeitende sind gefragt, das Beste daraus zu machen. Teilweise ist die Technik gar nicht vorhanden, es gibt keine Abstimmung zu Spielregeln. 

Jetzt ist besonders wichtig, dass alle an einem Strang ziehen und sich vor allem​ gegenseitig in die jeweilig andere Position zu versetzen. Es herrschen gerade viel Ängste und Unsicherheiten. Aber es gibt Prozesse, die müssen unbedingt  am Laufen gehalten werden, damit der Schaden für die Unternehmen etwas abgemildert werden kann. Diese Unternehmen sind die, die Ihnen Ihren Job (hoffentlich) sichern.

Wie gestalten Sie jetzt adhoc Home-Office im Team?

Besprechen Sie im Team, welche Prozesse unbedingt notwendig sind und was erst einmal zurückgestellt werden kann.

  • Legen Sie Anwesenheitsquoten fest, wie viele Mitarbeiter für (noch) nicht flexibilisierbare Prozesse im Büro sein müssen.
  • Vereinbaren Sie Regeln zur Erreichbarkeit, vor allem, wenn Sie noch kein Kollaborationstool benutzen.
  • Führen Sie möglichst jeden Tag eine kurze gut moderierte Teamabstimmung durch, wenn möglich mit Video.
  • Werten Sie im Team einmal in der Woche aus, wie die Regelungen funktionieren und ändern Sie diese ggf.

Arbeiten im Home-Office ist nicht ohne

Ich selbst habe damals einiges an mir „ausgetestet“. In Schlumpersachen einsam vor meinem Rechner ohne wirklichen Kontakt nach draußen. Nach 3 Tagen bin ich durchgedreht, hab mich gestylt und bin erstmal ins Büro gefahren.

Oder Arbeiten auf dem Balkon. Während eines Telefonates mit einem Kollegen zwitscherten die Vögel. Und er sagte: „Na du lässt es dir ja gut gehen“. Wumm, das saß. Das machte was mit mir. Dachte der ich faulenze und lass mir die Sonne auf den Bauch scheinen? Da braucht es ein entsprechendes Mindset.

Der nächste Selbsttest: Cool, jetzt kann ich auf der Couch lümmeln (in Schlumpersachen natürlich ;-)) und arbeiten. Es dauerte nur wenige Tage, bis ich extreme Rückenschmerzen hatte.

​​Deshalb einige Tipps, wie Sie gut im Home-Office arbeiten

Schaffen Sie sich eine Struktur

Planen Sie Ihren Tagesablauf genau. Vor allem stehen Sie wie immer auf. Wenn möglich, halten Sie an bestehenden Regelterminen fest (jetzt halt online). Zuviel Veränderung ist eine zusätzliche Herausforderung für Ihr Gehirn. Das mag keine Veränderungen. Routinen sind in diesem Fall gut.

Zur Struktur gehört aber auch Ihr Arbeitsplatz. Gut ist es natürlich, wenn Sie ein Arbeitszimmer haben. Falls das nicht der Fall ist, müssen Sie andere Möglichkeit „umfunktionieren“. Versuchen Sie dann dort bewusst einen abgegrenzten Bereich zu schaffen, der es Ihnen ermöglicht, gedanklich bewusst zwischen Arbeit und Privat zu wechseln.

Kleiden Sie sich „richtig“

Schalten Sie in den Business-Modus. Raus aus dem Schlafanzug. Rein in normale Bürokleidung (sicher können Sie als Mann die Krawatte weglassen). Das gibt Ihnen eine andere Ausstrahlung. Vergleichen Sie es ruhig mal, ein wichtiges Gespräch einmal in Schlumpersachen und ein anderes in normalen Sachen zu führen. Sie werden erstaunt sein, was Ihr Unterbewusstsein mit Ihre Ausstrahlung und Ihrem Durchsetzungsvermögen macht.

Vermeiden Sie Ablenkung

Sicher ist es verlockend, nebenbei Staub zu wischen, die Waschmaschine zu befüllen, Wäsche aufzuhängen und Geschirr wegzuräumen. Schirmen Sie Ihren Arbeitsplatz von potenziellen Ablenkungen ab. Vielleicht haben Sie einen schönen Sichtschutz oder drehen den Tisch entsprechend. Oder Sie schaffen es, durch die Unordnung durchzuschauen 😉

Für viele besteht jetzt aufgrund der aktuellen Situation eine besondere Herausforderung. Die Kinder sind auch zu Hause. Je nach Alter besprechen Sie ganz konkrete Regeln, wann Sie ansprechbar sind und wie Sie das sichtbar machen wollen. Vielleicht ein ausgedruckter Stopp-Smilie, wenn Sie sich sehr konzentrieren müssen.

Vielleicht ist auch Ihr Partner zu Hause, dann können Sie sich abwechseln. Nehmen Sie sich aber mehr Auszeiten am Tag für Ihre Kinder. Die stehen jetzt auch unter Stress. Ich glaube, jetzt versteht jeder Arbeitgeber, dass die Produktivität nicht die gleiche ist, wie normal.

Halten Sie Kontakt

Der Mensch ist ein Herdentier. Keiner fühlt sich wohl, den ganzen Tag alleine im Home-Office zu verbringen. In der jetzigen Zeit ist es sicher etwas anders. Aber Singles sind jetzt auch allein im Home-Office. Es ist wichtig, regelmäßig mit Ihren Teamkollegen oder –kolleginnen in Kontakt zu treten und sich auszutauschen. Und dabei nicht nur straff über fachliche Themen sprechen, sondern auch über informelle Dinge.

Achten Sie auf sich

Dazu gehören verschiedene Dinge. Versuchen Sie eine gute Ergonomie einzuhalten. Ihr Rücken wird es Ihnen danken. Machen Sie regelmäßig Pausen. Grundsätzlich ist es empfehlenswert nach 45-60 Minuten ein paar Minuten Pause zu machen. Augen schweifen lassen, sich etwas bewegen. Vielleicht verabreden Sie sich mit Kollegen zum „virtuellen“ Mittagessen.

Und halten Sie Ihren Feierabend ein. Im Home-Office kann es manchmal passieren, dass man gedankenversunken so lange arbeitet, bis irgendetwas fertig ist.

Wie gehen Sie mit der derzeitigen Situation um? Arbeiten Sie im Home-Office und wenn ja wie? Was wurde in Ihrem Team vereinbart? Schreiben Sie das gern in den Kommentar und teilen Sie den Artikel mit Personen, für der er interessant sein könnte.

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